1 – 2 oder 3? Oder: Die Sache mit der Toleranz

Ich gebe es ja zu: Auch ich habe meine Vorurteile. So bringe ich doch gerne das Oktoberfest in München mit lauter Bierseligkeit und heterosexuellen Frivolitäten in Zusammenhang. Wem es gefällt? Nicht mein Problem!

Auch ein Aufruf, doch auf den «Wiesn» eine «gewisse Zurückhaltung» zu pflegen, bringt mich nicht aus der Ruhe. Aber wenn solche Aufrufe einseitig werden, werde ich säuerlich. Machen wir ein Quiz zusammen? Welches ist der Originaltext? 1 – 2 oder 3?

1) Nicht jeder Besucher des Oktoberfests ist so tolerant, dass er sich über schwarze Menschen freuen kann. … Das Bierzelt ist jedenfalls nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie «Toleranz» und «Gleichberechtigung» zu erklären.

2) Nicht jeder Besucher des Oktoberfests ist so tolerant, dass er sich über schwule Männerpaare freuen kann. … Das Bierzelt ist jedenfalls nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie «Toleranz» und «Gleichberechtigung» zu erklären.

3) Nicht jeder Besucher des Oktoberfests ist so tolerant, dass er sich über Menschen aus dem Kanton Wallis freuen kann. … Das Bierzelt ist jedenfalls nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie «Toleranz» und «Gleichberechtigung» zu erklären.

Richtig! Der zweite Text ist der Originaltext … Sorgen um zu viele Schwulitäten am Oktoberfest macht sich das private «Oktoberfestportal» – die gleichen Leute notabene, die auch das Portal «Rosa Wiesn» betreiben.

Der Aufruf an schwule Besucher des Oktoberfests sich «in Zurückhaltung» zu üben ist nicht nur zynisch, sondern auch höchst homophob. Gerade an einem Volksfest erwarte ich nicht nur Toleranz, sondern auch Gleichberechtigung. Aber wenigstens kostet die Mass für alle Menschen gleichviel – nämlich knapp 11 Euro …