Der obligatorische Jahresrückblick

Der letzte Sonntag im alten Jahr: bin müde und ausgelaugt – das Jahr steckt noch tief in den Knochen – bin aber auch voller Tatendrang für neue Projekte im neuen Jahr. Und ein gute Zeitpunkt, das Jahr nochmals Revue passieren zu lassen – natürlich aus translesbischwuler Sicht …

Januar

Ein Fussballer schafft es auf die Titelseiten vieler Zeitungen. Nicht etwa weil er besonders viele Tore geschossen hat, sondern weil er sich als schwul geoutet hatte. Thomas Hitzlsperger heisst er, knapp über 30 und bereits in Rente – hatte er doch vier Monate vor seinem Outing seine Karriere als Nationalspieler beendet. Und weil so ein Coming-out nicht abendfüllend ist, fragten sich viele Zeitungen, warum wohl ein Fussballer nicht schwul sein darf. Liegt es daran, dass Schwule sexuell erregt werden, wenn sie mit anderen Männern duschen und sich dadurch heterosexuelle Männer einer Gefahr ausgesetzt fühlen?

Februar

Der Bundesrat bestätigt: Homosexuelle sind Menschen zweiter Klasse und erteilt uns eine schallende Ohrfeige: in einer Antwort auf eine Interpellation bestätigt der Bundesrat, dass er keine Probleme darin sieht, den traditionellen Ehebegriff „Mann / Frau“ in der Bundesverfassung zu verankern. Ausgelöst hat die Diskussion über die Definition der Ehe die Initiative „Für Ehe und Familie“ der CVP.

März

Pink Cross und die HAZ wählen neue Geschäftsleiter: Sie heissen Bastian Baumann und Hannes Rudolph … Rapper Sido veröffentlicht das Video „Liebe“, das einen Kuss zwischen zwei Männern zeigt … In Nigeria hat ein islamisches Gericht vier Männer wegen Homosexualität auspeitschen lassen … Und Papst Franziskus deutet in einem Interview an, dass die katholische Kirche möglicherweise die staatliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Paaren akzeptieren könnte – nicht aber die Gleichstellung im Eherecht.

April

Trotz erbittertem Widerstand der konservativen Opposition und der katholischen Kirche öffnet Frankreich die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Gleichzeitig stieg aber seit der Debatte um die Ehe-Öffnung die Zahl der homophoben Übergriffe in Frankreich um 30 Prozent.

Mai

Tom Neuwirth gewinnt als Conchita Wurst den Eurovision Song Contest. Ein wunderbares Zeichen für alle LGBT-Menschen dieser Welt … Rechtzeitig zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie veröffentlicht die ILGA die überarbeitete Rainbow Map zur Situation von LGBTI-Menschen in Europa. Die Schweiz schafft es gerade auf den traurigen Platz 27 von gezählten 49 Ländern …

Hunderte Menschen demonstrieren in Bern für gleiche Rechte. Und Martin della Valle vom Dachverband Regenbogenfamilien sagt es in seiner Rede deutlich:

Wir verlangen keine Sonderrechte, sondern schlicht Gleichstellung. Und wir fordern die Öffnung der Ehe, weil unsere Beziehungen gleich stark und unsere Familien gleich viel wert sind wie die aller anderen Schweizerinnen und Schweizer.

Juni

Toni Bortoluzzi bezeichnet Schwule und Lesben als „Fehlgeleitete“ – Homosexuelle hätten einen „Hirnlappen, der verkehrt läuft“, „unnatürliches Verhalten“ dürfe nicht gleichgestellt werden. Damit beweist der vom Volk gewählte SVP-Nationalrat, dass in der Schweiz noch immer ein rechtlicher Schutz gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität fehlt …

Der Nigerianer O. sitzt noch immer im Gefängnis und fürchtet um die Rückschaffung in seine Heimatland – in eines der homophobsten Länder dieser Welt. O. könne dort problemlos leben – wenn er seine Sexualität verstecke – meinen unsere Behörden.

Juli

Die Universität Melbourne veröffentlicht eine Studie, die zu folgendem Ergebnis kommt: Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien sind glücklicher und gesünder als Kinder, die bei Vater und Mutter aufwachsen. Das habe vor allem mit der Aufteilung des Familienhaushalts zu tun: Heterosexuelle Eltern teilen das Familienleben entsprechend der Geschlechterrollen auf, gleichgeschlechtliche Eltern regeln die Arbeitsverteilung nach Fähigkeiten – und das mache das Zusammenleben harmonischer.

August

Immer mehr LGBT-Menschen flüchten seit Einführung homo- und transphober Gesetze aus Russland und stellen Asylanträge in den USA, Spanien, Schweden oder Finnland. So auch Dima, der im November 2013 bei einem Überfall in St. Petersburg sein linkes Auge verloren hatte. Mit einer Druckluftpistole wurden zwei Schüsse auf ihn abgegeben – eine Kugel blieb in seinem Auge stecken. Er hofft in den USA eine neue Heimat zu finden.

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September

Bundespräsident Didier Burkhalter setzt sich im Rahmen der Kampagne „Free & Equal“ der UNO für die Rechte von LGBTI-Menschen ein. Freude herrscht über die schönen Worte und ich bin überzeugt, dass nun auch viele konkrete Taten folgen werden! Oder?

Oktober

In Brüssel findet die erste LGBTI-Menschenrechtskonferenz der EU statt. Ziel der hochrangigen Konferenz: die Bekämpfung der Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung …  In Kiev wird während dem Filmfestival ‚Molodist‘ der Schweizer Film „Der Kreis“ gezeigt. Keine 24 Stunden später steht das Kino in Flammen. Die Vermutung liegt nahe, dass der Anschlag einen homophoben Hintergrund hat.

Sondersynode der katholischen Kirche zu den Themen Ehe und Familie: 183 Männer stimmen über jeden der 62 Punkte der Abschlusserklärung einzeln ab. Zur Verabschiedung der einzelnen Punkte war jeweils eine Zweidrittelmehrheit erforderlich. Der Punkt, ob mit homosexuellen Menschen mit Respekt und Taktgefühl umgegangen werden soll, erreichte diese Zweidrittelmehrheit nicht …

November

Finnland öffnet als zwölfter Staat in Europa die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare … Der Zürcher Stadtrat überreicht feierlich der Rechtsberatung von Transgender Network Switzerland den städtischen Gleichstellungspreis 2014. Mit der Auszeichnung in der Höhe von 20’000 Franken würdigt der Stadtrat das einzigartige und professionelle Engagement von TGNS für die rechtliche und soziale Gleichstellung von Transmenschen …

Schweizer Behörden und Polizeistellen erfassen homo- und transphobe Gewalt in der Schweiz nicht. Aus diesem Grund fehlen offizielle Statistiken über Opfer von homo- oder transphober Gewalt in der Schweiz. Pink Cross will dies im Verbund mit anderen LGBT-Organisationen ändern und will 2015 ein Pilotprojekt starten. Bastian Baumann, Geschäftsleiter von Pink Cross:

Diskriminierungen und Gewalt an LGBTI ist ein akutes Problem. Uns fehlen bisher aber Zahlen, die unserern erlebten Alltag belegen.

Dezember

Im Nationalrat siegt die Vernunft: Der Nationalrat gibt einem direkten Gegenvorschlag zur CVP-Initiative „Für Ehe und Familie“ den Vorzug. Und will damit die Ehe in der Bundesverfassung NICHT als eine „auf die Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“ definieren.