Von Journalisten, Armeen und Kampf

Letzte Woche habe ich im Facebook in die Runde gefragt, ob es sich lohnt im ‹Blick› den Artikel «Gipfel der Kampf-Transen» zu lesen. Mit meiner Frage habe eine spannende Diskussion ausgelöst. Und ich habe den Artikel schlussendlich heute früh – auf der Toilette – doch noch gelesen.

mannscheiben

Grundsätzlich geht es im Artikel darum, dass sich in Washington Transpersonen aus 18 verschiedenen Ländern trafen, um für ihr Recht zu kämpfen, in der Armee dem Vaterland – Mutterland? – dienen zu dürfen. Und nicht ohne stolz hat dank Recherche der rührige ‹Blick›-Journalist raus gefunden, dass sich für die Schweizer Armee eine Transfrau in schmucker Uniform für den Friedensdienst im Kosovo eingesetzt hat. Und sie ist und bleibt wohl eine Ausnahme, «denn die Richtlinien des Oberfeldarztes geben vor, dass Transsexuelle zwingend untauglich sind».

Ich denke unweigerlich an meine Rekrutenschule, an meine drei geleisteten Wiederholungskurse und an das Gewehr samt Munition im Keller zurück. Immerhin hatte ich mit dieser Knarre gelernt auf den «Böfei» – auf den «bösen Feind» – zu schiessen. Nur dumm, dass mir die «Mannscheiben» nicht abstrakt genug waren und mir nicht nur ein bisschen Bauchweh verursachten. Dabei hätte ich doch bei der sogenannten «Aushebung» mit den drei Worten «Ich bin schwul!» den ganzen Scheiss verhindern können. Ich entschied aber, dass die «Ausbildung zum richtigen Mann» das kleinere Übel im Vergleich zu einem Outing war. Zu einem «richtigen Mann» wurde ich zum Glück nicht – dafür verursachen bei mir Uniformen im Zusammenhang mit der Friedenserhaltung – sogar bei der Heilsarmee – heftiges Kopfschütteln. Denn noch immer habe ich Georg Danzer und sein Lied «Der General» im Ohr:

Die kältesten Krieger erregten sich heiss, ein wärmlicher Bruder, da schmilzt doch das Eis. Sie grölten von Schande und Sicherheitsgefahr. Wie war, ein schwuler General krümmt dem Feind kein Haar, ein schwuler General ist ein Staatsskandal.

Doch ich wünschte mir sehr, die Generäle wären alle schwul und spielten Feindberührung am Casino-Swimmingpool. Sie spritzen sich nass und hätten viel Spass. Was ist hier eigentlich pervers? Liebe oder Hass?

In der Zwischenzeit dürfen Schwule und sogar Frauen gleichberechtigt Dienst am Vaterland leisten und – sogar in den USA – als Kanonenfutter dienen. Und grundsätzlich ist das ja gut so – schliesslich geht es um gleiche Rechte für alle Menschen. Und ich bin sicher, dass auch Transmenschen schon bald stolz einrücken dürfen …

Doch ich komme böse vom Thema ab! Eigentlich geht es hier ja darum, was eigentlich dieser Artikel in der doch immerhin auflagenstärksten Zeitung der Schweiz – eine grössere Auflage erreichen nur Gratisblätter – dem Leser und der Leserin sagen wollte. Geht es darum, darüber zu informieren, dass Transmenschen gleiche Rechte auch in der Armee wollen? Oder geht es darum, die Gelüste von Leuten zu befriedigen, die sich Gedanken machen, was die einzelnen Frauen noch oder nicht mehr unter ihren Kleidern haben? «Auch in der Schweizer Armee diente eine Operierte», «Sie wollte eine Frau mit Penis», «Beni hat Transe am Hals» sind nur drei Beispiele von Schlagzeilen, die vom ‹Blick› nicht gerade einen respektierlichen Umgang mit Transpersonen beweisen – aber wohl zum Erfolg dieser Zeitung beitragen.

Noch bis in die späten 60er Jahre empfanden übrigens schwule Männer das Wort «schwul» als Beleidigung. Sie bezeichneten sich lieber als «homophil». Anfangs der 70er Jahre übernahm die Schwulenbewegung die Schlagworte der Gegner und übernahmen u.a. auch den «Rosa Winkel» der Konzentrationslager der Nazis und kreierten ihr eigenes Logo. Zudem übernahm die Bewegung das den Homosexuellen von den Nazis in diffamierenden Sinn verpasste Rosa – die Farbe für Mädchen – als Farbe der Schwulen: «Pink Power» wurde zum Slogan. Mit diesem Hintergrund KÖNNTE der Begriff «Kampf-Transe» sogar zum Kompliment werden! Dazu schreibt Henry Hohmann, der Präsident von TGNS, im Facebook:

Da braucht es noch viel, um mit Stolz diesen Begriff zu verwenden und als Kompliment zu verstehen.