Von nackten und anderen Ärschen

Leider musste mein regelmässiges «Wort zum Sonntag» vor einer Woche aus terminlichen Gründen ausfallen. Aber keine Angst, es gibt den sonntäglichen Blick durch die translesbischwule Käseglocke hinaus in die Welt noch …

arsch

Ärsche gibt es überall – besonders geile Exemplare beispielsweise bei RoB oder vielleicht bei der Pride in Zürich am nächsten Wochenende …

Ja genau, manchmal komme ich mir tatsächlich wie unter einer Käseglocke vor. Da gibt es nebst meinem translesbischwulen Planeten noch eine andere Welt – die Welt der Heterosexuellen, die langsam aber sicher nur noch Grillieren und Fussball im Kopf hat. Und dabei muss ich manchmal feststellen, dass meine translesbischwule Family sich furchtbar Mühe gibt, sich da anzugleichen. Beispielsweise auch Schlagersternchen Patrick Lindner, der in der Zeitschrift ‹Gala› um das Image als Familienvater fürchtet: «Beim Thema Homosexualität denken viele nur an Paraden, nackte Ärsche und schrille Dragqueens». Und die heterosexuellen Menschen glaubten dann, meint Lindner weiter, dass das schwule Leben generell so aussieht und man «solchen Leuten» kein Kind geben darf! Patrick Lindner hat 1998 ein Waisenkind aus Russland adoptiert und ist seit dreieinhalb Jahren mit seinem Manager liiert, der einen leiblichen Sohn hat … Soweit so «Glanz und Gloria»!

Lieber Patrick Lindner, ich glaube kaum, dass es an bunten Paraden und schrillen Dragqueens liegt, dass es dumme Heterosexuelle gibt. Es kann nicht an nackten Ärschen liegen, dass letzte Woche mit grosser Mehrheit das slowakische Parlament einer Verfassungsänderung zugestimmt hat, mit der die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau definiert wird. Also ehrlich, mir sind nackte Ärsche von Schwulen bedeutend lieber als Ärsche von Politiker_innen, die unter dem Deckmantel «christlich» nur ein Verbot der Gleichbehandlung von Lesben und Schwulen im Sinn haben. Und wie ist das jetzt schon wieder mit der CVP-Initiative gegen die «Heiratsstrafe» hier bei uns in der kleinen Schweiz, die auch grad so nebenbei noch grad die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau in unserer Verfassung definieren will und vom Bundesrat sogar zur Annahme empfohlen wurde?

Nächstes Wochenende findet in Zürich die 20. Pride statt. Motto ist «Jetzt erst recht!». Denn: Wenn sich der Glaube festsetzt, alles erreicht zu haben, besteht die grösste Gefahr, hart erkämpfte Errungenschaften wieder zu verlieren. Wir LGBT-Menschen haben in der Schweiz viel erreicht und eine Mehrheit der Bevölkerung steht uns nicht mehr ablehnend gegenüber. Aber es bleibt noch immer viel zu tun:

  • so ist es gleichgeschlechtlichen Paaren gesetzlich verboten, Kinder zu adoptieren
  • die Suizidrate bei homosexuellen und transidenten Jugendlichen ist noch immer wesentlich höher als bei heterosexuellen Jugendlichen
  • im Sport ist das Thema Homosexualität tabu und Transmenschen praktisch inexistent
  • in der Arbeitswelt ist eine Enttabuisierung zu spüren, dennoch ist der Weg, dass ein Outing kein Karrierekiller mehr bedeutet, lang
  • der Blick ins Ausland zeigt zudem, dass homo- und transfeindliche Gesetze traurige Realität sind

Also freue ich mich schon heute darauf, wenn heute in einer Woche die Presse wieder die Berichte von der Pride vorwiegend mit nackten Ärschen und schrillen Dragqueens bebildert. Ich bin nämlich überzeugt, dass der aufgeklärte heterosexuelle Mensch heutzutage sehr wohl denn Sinn einer Gay Pride versteht und unseren Stolz spürt. Oder liege ich falsch unter meiner translesbischwulen Käseglocke?